Frau & Raum

Der Tag, als es still in mir wurde

von Tina Gehrer 

Weisst du was Stille ist? Ich habe es lange nicht gewusst, bis es Anfang diesen Jahres für einen Moment wirklich still in mir wurde. Nach einem Knochenbruch hatten die Ärzte Verdacht auf Knochenkrebs. So lag ich nachts im Bett und zum ersten Mal wurde es wirklich still in mir. Ich stellte mir die Frage, was wäre wenn? Was wenn ich nur noch ein paar Monate hatte, was wenn ich meine Kinder nur noch ein paar Mal umarmen darf, wenn mein Leben in diesem Moment zu Ende gehen würde. Was dann?

Bis zu diesem Tag dachte ich immer, ich hätte keine Angst vor dem Sterben. Ich, die ich in Seelenreisen, den süssen Duft nach Freiheit, nach bedingungsloser Liebe, nach Körperlosigkeit und Verbundenheit erfahren hatte, glaubte ich könne ein Ende vom Leben angstfrei annehmen. Doch in dieser Nacht wurde es plötzlich sehr still in mir. Ich werde diese Nacht nie vergessen. Es war Vollmond. Das helle Licht leuchtete in dieser Nacht sanft in unseren Garten. Es war so friedlich, dass ich die Schönheit unserer Erde in mir aufsaugte, so als könnte es das letzte Mal sein. In dieser Nacht spürte ich meinen Atem so bewusst, wie nie zuvor. Jeder Atemzug erfüllte mich mit Dankbarkeit, denn er erinnerte mich daran, dass ich am Leben war. Noch nie habe ich das Leben so bewusst geatmet, wie in dieser Nacht. Und dann hatte ich eine innere Stimme, die flüsterte "Leben ist Sein".

Die Ärzte konnten ein paar Tage später Entwarnung geben. Ich war gesund. Doch das Leben hatte mir in dieser Nacht ein Geschenk gemacht. In der Stille habe ich gefühlt, wie kostbar Leben ist. In der Stille der Nacht wusste ich, dass wenn Leben morgen vorbei ist, dass ich dann nur noch eine Erfahrung machen wollte und das war Liebe zu erfahren. Liebe für mein Leben, Liebe für unsere Erde, Liebe für meine Kinder, Liebe für meinen Partner und für die Menschen um mich herum. Im Alltag gelingt es mir nicht immer, diese Erfahrung zu integrieren. Oft liege ich abends im Bett und denke es wäre mehr möglich gewesen. Ich gehe Schritt für Schritt. Ich erlaube es mir fehlerhaft zu sein, wütend, zornig, verzweifelt zu sein, zu fühlen, was eben gerade ist. Doch gehe ich seit dieser Nacht fast täglich in die Stille und gönne mir Momente des Seins. Manchmal am Morgen wenn alle noch schlafen. In dieser Stille sind in den letzten Monaten so viele kleine und grosse Wunder passiert. In dieser Stille meines Herzens finde ich Antworten auf meine Fragen. Diese Stille macht mich ruhig und dankbar für das Leben, genau so, wie es JETZT ist. 

Lässt du es manchmal still in dir werden?

Love creates magic, Tina